Medizinische Grundlagen - was ist die Cerebralparese?
Definition:
Die Cerebrale Parese (CP) ist ein Überbegriff zur Beschreibung von motorischen Störungen, deren Ursache in einer nicht fortschreitenden Schädigung der bewegungs- und haltungssteuernden Zentren des Gehirns liegt, unabhängig von der Ursache der Schädigung oder der Auswirkung auf die Betroffenen.
Unterscheidung nach dem Eintrittszeitpunkt der Schädigung:
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Infantile = frühkindliche Cerebralparese
- Schwangerschaft bis 3./4. Lebensjahr, Schädigung trifft ein in Entwicklung befindliches Gehirn -> nicht fortschreitendes, irreparables "Defektsyndrom" entsteht. Andere Gehirnabschnitte können Funktionen übernehmen-> komplexe Behinderung: oft kombiniert mit Störungen der Sensorik, Intelligenz, Verhalten
- vor der Geburt: Erkrankungen der Mutter, Röteln, ..., Missbildungen des ZNS
- während der Geburt: Sauerstoffmangel, Hirnblutungen, Frühgeburten, ...
- nach der Geburt: Hirnhautentzündungen, Hirntumore, Stoffwechselstörungen, Schädel-Hirn-Traumen, ...
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Erworbene Cerebralparese
Schädigung trifft ein ausgereiftes, funktionierendes Gehirn.
Ursache kann einmaliges Ereignis oder chronisches Leiden sein, z.B.:
- zerebrale Durchblutungsstörungen
- entzündliche Erkrankungen
- Vergiftungen
- Tumore
- Schädel- Hirn- Traumen
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Minimale cerebrale Dysfunktion:
- Entwicklungsrückstand gegenüber gleichaltrigen, aber aus medizinischer Sicht keine Cerebralparese
- erfüllen nicht das minimale Handicap, um bei Wettkämpfen im Behindertensport starten zu können
- Grenzfälle -> auffällig, aber nicht behindert
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Erscheinungsformen
Die Erscheinungsformen und Schweregrade werden von mehreren Faktoren (Schweregrad der Hirnschädigung, Schädigungsort, Zeitpunkt der Schädigung, Therapiemaßnahmen, etc.) bestimmt, und lassen sich in drei Hauptformen unterscheiden, die aber mehr oder weniger vermischt sein können (ca. 10% der PatientInnen ist von zwei oder mehr Arten der CP betroffen), (Vielschichtigkeit, Heterogenität, Komplexität):
Kennzeichen
2.1. Spastik
- Formen: Monoplegie, Diplegie, Hemiplegie, Triplegie, Tetraplegie
- hoher Muskeltonus, wenig Kraft -> Bewegungsarmut
- gesteigerte Eigenreflexe -> Krämpfe
- steife Gelenke = Kontrakturen
- Störung der Zusammenarbeit von Agonist - Antagonist
- Erhöhung der Spastizität durch Streß, Müdigkeit und Kälte
- Häufigste Form
Kennzeichen
2.2. Athetose
- Bewegungen von Händen, Füßen, Armen oder Beinen sind unwillkürlich, langsam, fahrig und geschraubt, bizarre Stellungen
- Überbeweglichkeit der Gelenke
- Überschießende Bewegungen
- Muskeltonus herabgesetzt
- Mimische Muskulatur und Sprachmuskulatur betroffen (Grimassen schneiden), schwer verständlich (Dysarthrie)
- Verstärkt sich bei Belastungen
- 10-20% der cerebralparetischen PatientInnen
Abb. 4: "Klinisch wichtige Kleinhirnsymptome" (DELANK, 1988)
2.3. Ataxie
Kennzeichen
- Störung des Gleichgewichts, der Tiefenwahrnehmung und der Koordination
- Fehlendes geordnetes Zusammenspiel der an der Bewegung beteiligten Muskelgruppen
- Es fehlt das richtige Maß an Kraft (Asthenie), Richtung (Dysmetrie), Beschleunigung (Adiadochokinese), Kontinuität (Tremor)
- Unangepasste, überschießende, abgehackte Bewegungen - in Beinen meist stärker als in den Armen, schwankender, breitbeiniger Gang
- Sprache ist langsam stockend oder verwaschen
- 5-10% der cerebralparetischen PatientInnen
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Begleitsymptome
Von leicht bis schwer, ist es keine Lähmung im eigentlichen Sinn, sondern eine Störung der Bewegungskoordination. Es handelt sich um eine sehr komplexe Behinderung mit vielen möglichen Begleitsymptomen:
1. Epilepsie - Ursachen:
- als eigene Krankheit
- durch Epilepsie kann CP entstehen (durch Stürze = Trauma, durch Mangeldurchblutung im Gehirn)
- als Begleiterscheinung der CP
2. Orthopädische Sekundärschäden
- Skoliose u.a. Wirbelsäulendeformitäten
- Fehlstellungen von Händen und Füßen -> Verbildungen von Fuß- und Handgelenken
- Kontrakturen der Gliedmaßengelenke
3. Sensorischer Bereich
- Sprachstörungen - 3 Ursachen:
- muskulär bedingt bei Athetose
- Schädel-Hirn-Trauma - Sprachzentrum gestört, kann Wort nicht finden
- Mental retardiert
- Akustische Störungen
- Augensymptome
- Reaktive Störungen durch Über- oder Unterforderung, soziale Frustration, ...
4. Beeinträchtigung im intellektuellen Bereich
- Auffassungsschwierigkeiten, Konzentrationsschwächen, Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit
5. Psychischer Bereich
- Antriebsverhalten: unbeständig, reizbar, ablenkbar, ...
- Affekte: Ängstlichkeit, Aggressivität, motorische Unruhe, schnelle Ermüdbarkeit, Apathie, ...
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Grundtendenzen bei allen Formen:- Enthemmung von Funktionen -> überschießende Aktivität
- Ausfall von Funktionen -> Verminderung von Bewegungsgeschwindigkeit und Bewegungsausmaß
- Dysregulation von Funktionen -> Mitanspannung von antagonistischen Muskeln
- Verzögerte oder unvollständige Entwicklung, z.B. sitzen, stehen
- Störungen in der Regulation der Muskelanspannungen, zu hoch bei Spastik, zu niedrig bei Athetose
- Bestehen bleiben von frühkindlichen Reflexen, Auftreten von pathologischen Reflexen
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Therapiemethoden im Überblick
- VOJTA: durch Auslösen von Reflexkriechen und Reflexumdrehen soll Verbesserung der Motorik erreicht werden
- BOBATH: Hemmung abnormer und Bahnung normaler Stellreflexe und Gleichgewichtsreaktionen. Beeinflussung von Tonus- und Bewegungsstörungen durch Lagerungs- und Bewegungsübungen
- Konduktive Förderung nach PETÖ: Verbindung von pädagogischen, psychologischen und medizinischen Elementen, um die erlernten komplexen Handlungen in den Alltag zu integrieren und damit eine größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen
- Orthopädisch-chirurgisch: operative Korrektur von Fehlstellungen, Hilfsmittelversorgung
- Behandlung der Begleitsymptome: Sprachtherapie, Hörgeräte, Sehhilfen, Medikamente bei Epilepsie, Spiel- und Beschäftigungstherapie
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Psychotherapie
Weiterführende Literatur
- Bobath, B. & Bobath, K. (1998). Die motorische Entwicklung bei Zerebralparesen (5., unv. Aufl.). Stuttgart-New York: Thieme.
- CPISRA. Sports Manual (10th edition).
- Dahlmanns, J. & Will, H. (1996). Handbuch Rehabilitationssport. Hannover: Neuer Start.
- Feldkamp, M. (1996) Das zerebralparetische Kind: Konzepte therapeutischer Förderung. München: Pflaum.
- Ferrari, A. & Cioni, G. (Hrsg.). (1998). Infantile Zerebralparese. Spontaner Verlauf und Orientierungshilfen für die Rehabilitation. (Rehabilitation und Prävention, Bd. 39). Berlin: Springer.
- ÖBSV (1990). Prinzipien und Inhalte des Sports mit Zerebralparetikern - Ergebnisse und Zusammenfassung der 1. Sportwissenschaftlichen Tagung des ÖBSV. Wien.
- Schlett, C. (1970). ...Krüppel sein dagegen sehr. Lebensbericht einer spastisch Gelähmten (2. Aufl.). Wuppertal-Barmen: Jugenddienst.
- Taupe-Lehner, A. (1992). Schwimmen mit Cerebralparetikern. Unv. Dissertation, Universität Salzburg.
- Van der Schoot, P. & Seeck, U. (1991). Grundlagen und Methodenmanual. In: Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Bewegung, Spiel und Sport mit Behinderten und von Behinderung Bedrohten (Bd. 1 + 2). Bonn.